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Ausstieg, ja bitte

aus: Frankfurter Rundschau, 2007-06-30

VON WOLFRAM KÖNIG*

Ein Foto geht mir in diesen Tagen immer wieder durch den Kopf. Es zeigt sieben zufrieden lächelnde Herren. Von der Bundesregierung Kanzler Schröder, Umweltminister Trittin und Wirtschaftsminister Müller - aus der Energiewirtschaft die Herren Hartmann (Eon), Kuhnt (RWE), Goll (EnBW) und Timm (HEW, heute Vattenfall). Sie halten ein wichtiges Dokument in den Händen: die Vereinbarung über den Atomausstieg. Planungssicherheit über 20 Jahre bildete den Kitt zwischen den Akteuren.

Dass dieses Bild Vergangenheit ist, zeigt nicht nur das Datum der Aufnahme, der 11. Juni 2001, das dokumentieren auch jüngste Meldungen. Da hat vor zwei Wochen RWE eine Änderung des Atomgesetzes gefordert, um die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängern zu können. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie verlangt eine Abkehr vom Ausstiegsbeschluss und will das Thema beim Energiegipfel im Kanzleramt zur Sprache bringen. Wer den Atomkonsens aufkündigen will, muss damit rechnen, dass vergangene Konflikte wieder auf die Tagesordnung kommen: in der Endlager-Debatte und in der Frage der Sicherheit der Kernkraftwerke.

Für Stilllegung und Endlagerung der nuklearen Abfälle legen die Betreiber Rückstellungen an. Sie werden auf rund 30 Milliarden Euro geschätzt. Die Konzerne können über diesen Betrag frei verfügen. Bei einem Konkurs besteht das Risiko, dass diese Rückstellungen verloren gehen. Die Betreiber bekamen mit dem Atomkonsens das Zugeständnis, dass Pläne der Bundesregierung, diese Mittel in einen externen Fonds zu übertragen, nicht weiterverfolgt werden.

Bei der Entsorgung der abgebrannten Brennelemente wurde den Stromern das Geschäft erleichtert. Der für den Betrieb der Reaktoren bisher vorgeschriebene Entsorgungsvorsorgenachweis gilt mit den neu geschaffenen Zwischenlagern an den Standorten als erbracht.

Auch was die Haftung für schwere AKW-Unfälle angeht, ist die Bundesregierung einen Kompromiss eingegangen. Ein Reaktorunglück in Deutschland kann zu Kosten von mehreren Billionen Euro führen. Die AKW-Betreiber sind heute zu einer Haftungsvorsorge von nur 2,5 Milliarden Euro verpflichtet. Der Staatshaushalt würde also die Hauptlast tragen. Um den Atomkonsens nicht zu gefährden, wurde nach dem 11. September 2001 auch auf die Nachrüstung der deutschen AKW zum Schutz vor Terrorangriffen verzichtet und keine Vorgaben ins Atomgesetz aufgenommen. Im Hinblick auf die begrenzte Laufzeit schien dies vertretbar. Der Bundestag hat allerdings die AKW-Betreiber aufgefordert, ältere, besonders gefährdete Anlagen früher außer Betrieb zu nehmen und deren Stromkontingente auf neuere Kraftwerke zu übertragen. Die Betreiber sind der Aufforderung bisher nicht nachgekommen - im Gegenteil wurden doch jüngst für die Altmeiler Biblis A, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 Anträge auf Laufzeitverlängerung gestellt. Wenn der Konsens aufgekündigt wird, steht die Frage nach der Sicherheit noch stärker auf der Tagesordnung.

Zu erinnern ist auch daran, dass es seit April 2005 keine Atommüll-Transporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich oder England mehr gibt - und auch keine Proteste dagegen. Dies alles scheinen die vergessen zu haben, die die Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Energieversorgungsunternehmen einseitig aufkündigen wollen - entgegen der unterschriebenen Verpflichtung, ihre Inhalte "dauerhaft" umzusetzen.

Und wieder fällt mir das Foto ein. Kann das Vergessen darin begründet sein, dass auch von den lächelnden Herren aus der Atomwirtschaft niemand mehr an der Spitze seines Unternehmens steht?

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* Wolfram König ist Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz

bearbeitet by bi, 2007-06-30

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