"Jahrelange giftige und
radioaktive Wirkung"
Der Physiker Doug Rokke brachte den US-Soldaten bei, wie man mit Uranmunition
umgeht. Heute warnt er vor diesen Waffen. Das Pentagon hat den Einsatz der
Munition inzwischen bestätigt
aus: taz, 1999-05-17
Doug Rokke ist Professor für Umweltwissenschaften an der Jacksonville State
University in Alabama. Während des Golfkriegs arbeitete er als
Wissenschaftler für die US-Armee und entwickelte später im Auftrag der
Army Sicherheitsstandards sowie Handbücher und einen Lehrfilm für den
Umgang mit Uranmunition.
taz: Wird im Kosovo Uranmunition
verschossen?
Doug Rokke: Das Pentagon hat mir
gegenüber bestätigt, daß die Luftwaffe im Kosovo-Krieg begonnen
hat, die Munition aus abgereichertem Uran einzusetzen.
taz: Viele warnen vor dem Einsatz
dieser Munition.
Doug Rokke:Zu Recht. Auch ich habe in
meiner Eigenschaft als Fachmann für solche Uranmunition an das
Verteidigungsministerium geschrieben und vor dem Einsatz gewarnt. Jetzt will ich
versuchen, einen Termin mit dem Präsidenten zu bekommen.
taz: Was macht diese Munition so
bedenklich?
Doug Rokke:Uran ist ein Schwermetall
und ist wie alle Schwermetalle giftig - außerdem ist es schwach
radioaktiv. Durch Aufprall und Verbrennung wird das Metall pulverisiert und es
entsteht Urandioxid. Die Partikel, die hundertmal kleiner als ein Sandkorn sind,
können eingeatmet oder durch Wunden in den Körper gelangen. Je nach
der Verbrennungstemparatur sind diese Staubpartikelchen in Körperflüssigkeit
löslich, dann wird ihre giftige Eigenschaft wirksam, oder sie haben durch
die Verbrennungshitze die Eigenschaft von Keramik angenommen und sind unlöslich,
dann sitzen sie im Körper fest und entfalten über Jahre ihre
radioaktive Wirkung.
taz: Wer ist gefährdet?
Doug Rokke:Zunächst natürlich
jene, die von dieser Munition getroffen werden. Das waren im Golfkrieg auch
unsere eigenen Soldaten. Es gab 120 Verletzte durch "freundliches Feuer"
- also Treffer durch die eigenen Leute. Denen sitzen zum Teil Granatsplitter aus
Uranmunition im Leib. Gefährdet waren auch jene, die sich den feindlichen
Panzern näherten, die mit Uranmunition abgeschossen wurden. Und Brände
trugen Uranpartikel auch weit ins Land hinein. Schließlich bleiben Uranstäube
sowie Granatsplitter oder ganze Granaten, die danebengingen, im Boden oder im
Wasser liegen. Sie sind eigentlich heimtückischer als Minen, denn die
explodieren wenigstens, während die Uranmunition über Jahre ihre
giftige und radioaktive Wirkung entfalten kann. Wir haben das Schlachtfeld um
den berüchtigten "Highway of Death" untersucht, die Schnellstraße
von Basra nach Bagdad, auf der Hunderte von Panzern mit Uranmunition
abgeschossen wurden. Die Gegend ist entsprechend kontaminiert.
taz: Hat das bereits Opfer unter der
Zivilbevölkerung gefordert?
Doug Rokke:Das Schlachtfeld ist eine
radiologische Wüste. Es liegen Tausende von abgefeuerten und nicht
eingesammelten Geschossen verschiedenen Kalibers herum - z. B. ca. 950.000
30-mm-Granaten, die fast ein halbes Kilo Uran (U 238) enthalten. Wir haben für
das Pentagon einen Bergungsplan ausgearbeitet, der das Einsammeln aller
explodierten und noch ungezündeten Granaten vorsah. Er ist nur zum Teil
umgesetzt worden.
taz: Warum benutzen die Militärs
dieses giftige Material?
Doug Rokke:Abgereichertes Uran ist
sehr dicht und hat Eigenschaften, die es zum idealen Stoff für
panzerbrechende Munition macht: Beim Aufschlag spitzt es sich zu und entwickelt
ungeheure Temperaturen. Die amerikanische Energiebehörde hat rund eine
halbe Millionen Tonnen von diesem Zeug, weil es bei der Herstellung von
Uranbrennstäben und Atomwaffen übrigbleibt. Verschossen wurde das
Material erstmals im Golfkrieg von zwei Panzertypen. Inzwischen scheint auch Rußland
solche Munition zu haben.
taz: Die Probleme mit Uranmunition waren in
der Öffentlichkeit lange unbekannt.
Doug Rokke:Sie waren sogar in der
Armee unbekannt. Als ich nach Saudi Arabien kam, wußte niemand etwas über
diese Munition. Wir haben Richtlinien im Umgang damit entwickelt, die etwa
vorsahen, daß Truppen sich nur in Schutzkleidung auf ein Gefechtsfeld
begeben sollten, auf dem vorher Uranmunition verschossen worden war. Das hätte
die Bewegungsfähigkeit der Truppen stark eingeschränkt. Als ich damit
beauftragt wurde, Risiken und Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit
Uranmunition zu untersuchen, bekam ich gleichzeitig zwei Direktiven: Ich solle
nichts sagen, schreiben, empfehlen oder tun, was die Verwendung dieser Waffe gefährden
könnte. Der Öffentlichkeit bekanntgeworden sind die Risiken der
Uranmunition erst durch die rätselhafte Golfkriegserkrankung, an der rund
100.000 der 700.000 Soldaten leiden, die im Golfkrieg eingesetzt waren. Ein Teil
der Soldaten leidet an Symptomen, die auf Uranvergiftung zurückzuführen
sind.
taz: Wie viele waren das? Welche
Folgen hatte ihre Vergiftung?
Doug Rokke:Etwa 120 Soldaten wurden
verwundet, als ihre Panzer und gepanzerten Fahrzeuge vom Typ Abram bzw. Bradley
von Uranmunition getroffen wurden, die versehentlich von der U.S. Army
abgefeuert wurden. Weitere 200 Soldaten, die an der Bergung von abgeschossenen
Panzern teilnahmen, haben Uranpartikel eingeatmet. Die vordergründigsten
Symptome sind Nierenschäden, weil das Uran über den Urin ausgeschieden
wird. Nur 50 Soldaten sind behandelt worden. Gefärdet aber sind alle, die
mit der Munition in Berührung kamen oder sich auf dem Schlachtfeld
aufhielten und Rauch oder Staubwolken einatmeten. Ich habe Soldaten gesehen, die
ohne Schutzkleidung mit Uranmunition abgeschossene Panzer untersuchten. Das
widersprach allen Vorschriften. Die Armee hat nach langem Drängen allen
Soldaten angeboten, sie auf Uranspuren im Körper zu untersuchen, und
Soldaten aufgefordert, Urinproben abzugeben.
taz: Hatten Sie selbst Umgang mit
ausgebrannten Panzern und mit Uranmunition?
Doug Rokke: Ich habe astronomische
Uranwerte im Urin. Das aber hat man mir vier Jahre nach der Untersuchung gesagt.
Das ist typisch für den Umgang des Verteidigungsministeriums mit diesem
Problem. Das Verteidigungsministerium gibt Entwarnung und sagt, man braucht sich
keine Sorgen zu machen. Die Veteranen-Administration aber widerspricht dieser
Auffassung und verlangt eine weitere Aufklärung des Falls.
bearbeitet by uwe, 1999-05-17 |